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Schmuck ist zuweilen eine intime Angelegenheit...


...und er erzählt uns Geschichten – von der Liebe, von Ereignissen des Lebens, von Begegnungen und Faszinationen, von der Leidenschaft für schöne Dinge.
Jutta Klingebiel hat sich für diese Botschaft des Schmucks entschieden. Dabei ist sie es selbst, welche sich die Geschichten letztendlich ausdenkt. Denn sie erfindet fiktive Personen, deren Porträts in zarter Emailmalerei ihre Schmuckstücke zieren. In der Güberstellung zweier Ohrstecker begegnet sich etwa ein Paar, von dem man zwangsläufig annimmt, dass es zusammen gehört. Entstammen sie der Vergangenheit oder der Gegenwart? Ein Anhänger in Medaillonform zeigt zwei sich vereinende Hände. Es sind Bilder von Freundschaft, Treue, Versprechen, Erinnerungen ...

 

"Die Charaktere entstehen während des Malens. Für mich sind sie Talismane, die der Hauch einer anderen Zeit umweht." (Jutta Klingebiel, 2000)

 

Nicht nur die Porträts suggerieren diese Vorstellung. Die Wahl der Emailmalerei allein beschwört bereits Traditionen, die längst in Vergessenheit geraten sind. Jutta Klingebiel erweckt sie zu neuem Leben. Ihre kleinformatigen Arbeiten liegen in schlichten Fassungen, die den gerahmten Bildcharakter unterstreichen. Ein letztlich ungewöhnliches Vorgehen für eine junge Goldschmiedin, die an einer der bedeutendsten Schulen für die Schmuckkunst im europäischen Raum, an der Akademie der Bildenden K&nste in Nürnberg, studiert hat. Vielleicht lässt sich diese Wahl als überlegte Geste gegen den Trend der Moden, gegen die laute Zeit der Gegenwart interpretieren.

 

"Die edle Technik des Emaillierens gibt dem Goldschmiedekünstler auch die Palette des Malers in die Hand und was ein richtiger Goldschmied ist, der ist noch Bildhauer und Poet dazu." (Julius Schneider, 1928¹)

 

Die Blüte der Emailmalerei liegt weit zurück. Antike und byzantinische Epoche kannten das Verfahren. Zu berühmter Meisterschaft gelangte jedoch später das "Limoger Email" im 15. und 16. Jahrhundert. Nur hochspezialisierte Werkstätten waren der sogenannten "Feuermalerei" mächtig – die wie ein Geheimnis gehütet und bewahrt wurde – und unter anderem Schmuckmedaillons, Prunkgefäße, Toilettengarnituren, Tee-, Kaffe- und Likörservice dekorierte.
Bedeutende Kenner der Materie – darunter Denis Diderot – hoben bewundernd den hohen Schwierigkeitsgrad und die erforderliche Geschicklichkeit bei der Anfertigung dieser Pretiosen hervor. Ihr Glanz, ihre Feinheit, die Brillanz der Farben und ihre Beständigkeit galten als besonders geschätzte Vorzüge. In Frankreich zählten die Vertreter des Genres gar zu den "arts libres et nobles" – eine außerordentliche Ehre, die der als Kunsthandwerk eingestuften Gattung Schmuck gemeinhin nicht zugebilligt wurde.
Von Anfang an spielte das Porträt als Zeichen der Freundschaft und Erinnerung eine zentrale Rolle. Das Thema das Memento Mori klingt dabei stets mit an. Dem kam das kleine, intime Format entgegen, dessen Ursprung und Schicksal eng mit denen der Miniaturmalerei zusammenhingen.
In der älteren Kunstgeschichte hatten sich dabei vor allem Künstlerinnen hervorgetaür die bekanntermaßen der Zugang zur akademischen Malerei und damit zu den ehemals als bedeutend eingeschätzten Dimensionen und Sujets verwehrt war. Das galante Schmuckformat stand ihnen jedoch spätestens seit den großen mittelalterlichen Buchillustratorinnen – wie etwa Hildegard von Bingen und Herrad von Landsberg – durchaus. So führt Giorgio Vasari in seinen Viten allein fünf Miniaturmalerinnen auf. Auch Maria del Rosario, die Ziehtochter Francisco de Goyas, entschied sich für diesen Weg und wurde dabei von ihrem Vater tatkräftig unterstützt. An den europäischen Höfen genossen eine ganze Reihe von namhaften und gut bezahlten Künstlerinnen dank ihre Porträtminiaturen hohes Ansehen. Am Rande sei erwähnt, dass sich selbst der große Benvenuto Cellini anfänglich in die Werkstatt eines Bologneser Miniaturmalers begab, um sich dort in dieser Fertigkeit zu schulen.
In der Romantik erfuhr die Kunst im kleinen Format unter sentimentalen Aspekten eine Renaissance. Und so ist sie uns vor allem im Gedächtnis geblieben.

 

"Menschen, die nach symbolischen Bedeutungen suchen, begreifen nicht die innewohnende Poesie und das Geheimnis der Bilder." (René Magritte²)

 

In den Schmuckwerken von Jutta Klingebiel fließen mehrere Stränge dieser Geschichte zusammen und verdichten sich in ihrer Aussage.
Die Affinität zwischen den Künsten hat im 20. Jahrhundert an Selbstverständ-lichkeit gewonnen. Bildhauer und Maler schufen Schmuckstücke, Goldschmiede überschritten ihrerseits die Grenzen zu anderen schöpferischen Disziplinen. Etwas Ähnliches geschieht im übertragenen Sinne auch in der ästhetischen Strategie von Jutta Klingebiel.
Von den zahlreichen Verfahren der Emailkunst hat sie die im wahrsten Sinne "malerischste" ergriffen. Auf dem vorbereiteten Fond setzt sie in freier Erfindung ihre Figuren – ein komplexer und aufwendiger Prozeß, der mit mehreren Bran-durchgängen abschließt. Da sind sicheres und rasches Arbeiten sowie technische Versiertheit notwendig – und vor allem Geduld. Kein Zufall, dass sie den dunklen Fond bevorzugt, auf dem die Erscheinung der Dargestellten weich und strahlend hervortritt – von kostbaren Glanz gezeichnet. Es geht ihr weniger um die naturgetreue Wiedergabe, sondern um traumhafte Visionen, die Platz lassen für persönliche Fantasien und Assoziationen.
Jutta Klingebiel beschwört eine intime Welt, in der es um essentielle, poetische und gefühlvolle Dinge geht, die in unserer Alltags-Gegenwart leicht in den Hintergrund geraten. In ihren Schmuckstücken dagegen erhalten sie die Bühne für ihren dauerhaften Auftritt.

Dr. Ellen Maurer-Zilioli
Konservatorin
Die Neue Sammlung
Staatliches Museum für angewandte Kunst/Design
In der Pinakothek der Moderne, München (2001)

 

¹Schneider, Julius (Goldschmied und Studienrat an der Städtischen Fachschule für Gold- und Silberschmiede in München): Kunsthandwerkliches Emaillieren. Leipzig 1928, S. VII ²Zit. n. Simic, Charles: Medici Groschengrab. Hrsg. v. Michael Krüger. München/Wien 1999, S. 70

 

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In der Pinakothek der Moderne